Vital KW 40/25

Heute haben wir wieder in die Schatzkiste von Georg Spieß aus Ramsen gegriffen. Die folgende Geschichte haben wir darin gefunden.

Lili und der wilde Reiter

Die Bäume des Stumpfwaldes sangen ihr Abendlied und weckten sie am Morgen, ehe noch die Sonne über den Horizont gekrochen war. Der Wald war ihre Heimat, die einsame Köhlerhütte ihr alles. Täglich durchstreifte sie den ihr vertrauten Forst. Erdbeeren sammelte sie, das Lieblingsessen ihres fleißigen Vaters.

Schön war sie, wie die Seerose auf dem nahen Woog und schlank wie die Tanne vor dem Meiler. Lili hieß sie und sollte bald Braut werden, überraschend schnell; denn eines Tages traf sie einen großen blassen Mann, der unter einer Buche saß und sein Ross in der Nähe weiden ließ.

Erschrocken wollte Lili schon das Weite suchen, doch der Fremde redete sie so freundlich an, dass sie Zutrauen gewann. Er ließ sich die süßen Walderdbeeren munden und hob Lili zu sich aufs Pferd. Zur Köhlerhütte trabten die Beiden, wo der so fremde Reiter um ein Nachtquartier bat. Er wurde ihm gewährt. Am folgenden Morgen hielt er um die Hand der schönen Lili an, die ihm nicht ausgeschlagen wurde.

Am Abend vor Allerheiligen war die Hochzeit. Viele Ritter und Knappen waren geladen. Turniere fanden statt und Ritterspiele. Man unterhielt sich auf das Beste. Nur die Braut und ihr Vater konnten sich nicht so recht freuen, weil beide nicht wussten, woher der Ritter war, der so plötzlich auftauchte. Sie frugen und frugen, aber er gab immer ausweichende Antworten.

Um Mitternacht brach ein Wetter los, wie es der Köhler noch nie erlebt hatte. Ein greller Blitz schlug in die Köhlerhütte ein und vernichtete sie samt dem Köhler. Der Bräutigam aber fuhr mit der Braut davon über die Wipfel der Bäume. Sie stieß einen Klagelaut aus, der noch lange die Luft erfüllte.

An der Stelle, an der die Hütte gestanden, erstellte man ein Kreuz, das aber lange schon nicht mehr zu finden ist. Lili aber sah man noch oft mit ihrem kleinen Körbchen voll Erdbeeren, singend und klagend durch den Stumpfwald ziehen. In stürmischen Nächten jagt der „WILDE REITER“ mit Lili über den rauschenden Forst.

Quelle: Unsere Heimat von Georg Spieß, Ramsen