Vital KW 32/26 – Geschichten aus der Heimat
2.Teil aus „Unsere Heimat“ von Georg Spieß
Eines schönen sonntags verrichtete sie wieder zu Leidelheim ihre Andacht, ihr Verlobter war auch in der Kirche. Nicht wenig erstaunt waren beide, als man sie nach dem Gottesdienst in Form eines obrigkeitlichen Befehles aufforderte sich auf der Stelle trauen zu lassen, was auch geschah. So kam es dann, dass die jungen Leute unversehens und ohne eigenes Zutun als Eheleute heimkehrten.
Der nassauische Amtmann schäumte vor Wut, als er von dem Geschehen in Leidelheim erfuhr. Eine solche Schlappe durfte er nicht noch einmal erleiden. Als sich ein Todesfall in der Mühle ereignete, trat er in Aktion. Es sträuben sich einem die Haare, wenn man liest – ein verstorbenes, kaum erkaltetes Kind wurde der Müllerin abgenommen und im Dorf „naussauischerseits“ begraben.
Die junge Frau in der Klostermühle hatte auch sonst kein Glück. Bald nach diesem schrecklichen Ereignis starb ihr Ehemann. Obwohl sie sich von früh bis spät plagte, konnte sie allein auf die Dauer der Mühle nicht vorstehen. Nach einiger Zeit entschloss sie sich wieder zu heiraten. Sie fand einen guten und tüchtigen Müller, der bereit war die Ehe mit ihr einzugehen. Ihre Absicht war, sich in Leidelheim kopulieren* zu lassen. Als der Amtmann in Kirchheim dies gewahr wurde, schickte er Soldaten nach Ramsen, die mit „gewehrter Hand“ in die Mühle einfielen, um die Müllerin mit ihrem „Sponso in Loco“ sogleich kopulieren zu lassen. Aber der zukünftige Gatte war nicht zu Hause. Die Müllerin flüchtete durch die Hintertür ins nahe Klostergut, dort war sie sicher. Die Soldaten aber bezogen in der Nähe Posten in der Hoffnung, ihren Auftrag doch noch vollziehen zu können. An diesem Tage jedoch hatten sie klein Glück und mussten unverrichteter Dinge abziehen. Aber noch ist die Geschichte nicht zu Ende.
DER AMTMANN RECHTFERTIGT SICH: Am 28. Mai 1729 berichtet der Amtskeller in Neuleiningen Antz nach Worms: „Ein Korporal mit 12 Soldaten ist in die Mühle eingedrungen. Er ließ das Paar gewalttätiger Weise nach Eisenberg schleppen und dort durch den katholischen Pfarrer trauen“. Antz richtete auch ein Protestschreiben nach Kirchheim. Der dortige Amtmann Bentheim musste sich bei seiner Regierung in Weilburg verantworten. Er war sich keines Unrechtes bewusst und schrieb: „Laut Vertrag von 1555 haben die Wormser keine Sonderrechte auf ihren Eigengütern und ihrer Mühle in Ramsen zu beanspruchen. Die zuständige Pfarrkirche der Müllerin sei Eisenberg. Weil er vernommen, dass diese sich wieder in Leidelheim wollte trauen lassen, habe er am Abend vor der Hochzeit den Sergeant Heydman mit 9 Soldaten in die Mühle geschickt, um die Brautleute abzuholen. Die militärische Eskorte habe das Paar zur Trauung auf seinen Befehl hin nach Eisenberg begleitet. Nach der Einsegnung sei ihnen zu Ehren eine Salve gegeben worden. Darauf sei man in guter Ordnung in die Mühle zurückmarschiert. Er habe bis dato keinen Befehl und daher keine Veranlassung in dem Rechtsstreit zwischen Worms und Weilburg nachzugeben“.
Da fragt man sich: „War das eine gute alte Zeit“?



